Beach EHF Champions Cup - die Trainer berichten exklusiv über Gefühle und Emotionen zum 4.Platz

Von am 24.11.2014 in Allgemein, Archiv

Wer hätte das gedacht, titeln Handball-Nachrichtenportale und die Webseiten der Handballverbände. Die Ismaningerinnen sind als jüngste Mannschaft bei der Europameisterschaft der Vereine im Beachhandball Vierter geworden. Ein riesengroßer Erfolg für die 16 bis 18jährigen Mädels, für das Trainerteam, für den Verein, die Gemeinde und für den Beachhandball in Deutschland. Der Präsident des deutschen Handballbundes schreibt von „herausragender Pionierarbeit“ und „großem Erfolg für den deutschen Beachhandball“.

Und alles begann am 1.August dieses Jahres, „die Brüder“, eine gemischte Truppe von A-Jugendlichen des TSV Ismaning machte sich auf den Weg zur deutschen Meisterschaft nach Wildeshausen bei Bremen. Eine Wildcard bescherte dem jungen Team der beiden Trainer was die Beacherfahrung angeht, ebenso jungen Manfred Königsmann und Alexander Novakovic die Teilnahmeberechtigung an den German Open. „Ohne Ambitionen“ und „nur mal Erfahrungen sammeln“ waren die Statements vor dem Turnier. Am Ende weiß heute jeder, dass an diesem Turnier der deutsche Meistertitel raussprang und damit klar war: Es geht zur Europameisterschaft der Vereine als Vertreter Deutschlands, dem EHF Champions Cup. Nach Gran Canaria!
Doch ist denn das zu finanzieren? Bekommen die Mädels alle frei? Bekommt man Flüge? Ein tolles Team formierte sich um die beiden Trainer, auch die Mannschaft organisierte eine Tombola mit tollen Preisen. Sponsoren wurden gefunden und von dem Event begeistert, gleich zwei davon haben den Weg nach Gran Canaria mit gemacht. Die 10.000€ Finanzierung war somit ohne Mittel aus der Handballabteilung oder dem Förderverein gesichert und Flüge und Hotel wurden gebucht. Erst da fiel den Mädels und den Trainern ein großer Stein vom Herzen. Ein großes Dankeschön geht an die Spender dieser Reise! Viele wollen nicht genannt werden und haben den Mädels einfach so „a bissl was zugesteckt“. Herausragend, die größeren Spender bekommen ein kleines Mitbringsel im Nachgang.

Tolle Bedingungen in Obertraun dank Britta und Hajo, sowie Chip und Stuff

Ein kurzes Trainingslager ist dann kurz vor Abflug auch noch drin. Dank der Fa. Stumpf und deren Ferienhaus am Hallstätter See alles finanzierbar, rechnen die Trainer vor. Toll, professionell, ein „sau guada“ Schweinsbraten am Abschlussabend, tolle Trainingsbedingungen und gute Einheiten neben mit Schnee bedeckten Gipfeln des Dachsteins. Und richtig motivierte Hunde.. :)

Mittwoch, 3:00 Uhr, morgens, der Schlaf war nicht gut. Angst, man könne Verschlafen kreist im Kopf. Schnell aufstehen, Katzenwäsche, Coffee to Go, Taxi, S-Bahn. Da stehen sie alle an der Anschlagstafel im Flughafen. 32 Beachhandballverrückte, die Spieler, Trainer und Fans – da steht deutschlands Vertreter. Alle haben das selbe Outfit an. Erima hat dem Team eine Ausrüstung gesponsert, in Deutschlandfarben, mit Deutschland bedruckt. Am Flughafen herrscht so früh noch gähnende Leere, aber es wenden sich Passanten an uns und fragen nach.
In der Boeing 737 begrüßt uns der Kapitän in seiner Ansprache und wünscht viel Erfolg. Applaus rauscht durch den Flieger, während dieser in 37.000 Fuß über die Schweiz rauscht. Nach fünfstündigem Flug wird’s plötzlich auf einen Schlag heiß. 32 Grad peitschen den Sportlern beim Aussteigen gegen das Gesicht. Ein Foto wird vor der Maschine noch schnell gemacht. „Für Facebook und Twitter“ – denn mittlerweile haben wir auch sowas schon, mit über 400 Likes in nur 10 Tagen.
Ein EHF Bus-Shuttle des Turniers bringt uns in unsere Unterkunft, nur 20 Meter vom Playa del Ingles und vom Stadion am Strand entfernt. Noch gibt es dort noch nichts zu sehen, außer viele Arbeiter, die Container und Tribünen aufbauen, bei 35 Grad in der Mittagshitze. Wir legen uns einstweilen an den Strand. Abends schaut dann alles schon viel besser aus, erste Umrisse der Location sind zu erkennen.
Donnerstag, 10:00 Uhr, das erste Training steht an. Angst kommt auf, denn der Sand ist sehr seicht und darunter kommt gleich eine sehr harte Erdschicht am Strand hervor. Die Mädels spüren den Playa del Ingles bei jedem Wurf und Bodenkontakt. Abends werden Schürfwunden gepflegt. Nachmittags nutzen die Mädels den Tag um „Land und Leute“ kennenzulernen. Mit fetzigen Cityrollern macht sich beispielsweise eine Kleingruppe an der Küstenstraße gen Nord-Westen auf. Tolle, bleibende Eindrücke bleiben hängen.
Abends dann das Technical Meeting für uns Trainer. Die geballte Professionalität der Europäischen Handball Föderation sitzt da im Konferenzraum, man hat den Eindruck sogar das Klo gehen wird da vorgeschrieben. Alles, aber wirklich alles wird durchgesprochen, jedes Detail ist wichtig. Die Trainer bekommen die Akkreditierungen für das Team, ein eigenes Handy für die Erreichbarkeit, Informationshefte, Spielpläne und und und. Sogar die Verhaltensregeln für das Live-Fernsehen werden pingelig genau erklärt, damit jeder in die Kamera lächelt. Ganz normal sagt der spanische Nationaltrainer, der hat das schon mehrmals mitgemacht. Für uns Neuland, aber völliges Neuland – aber wir tun mal so, als sei es wie bei einem Handballspiel in der technischen Besprechung.
Danach folgt dann die erste Mannschaftsbesprechung. Wir geben den Mädels unsere Erfahrungen weiter, große Augen schauen Manni und mich an, als wir von alldem erzählen. Auch der letzten ist nun klar, dass es Europas Spitze ist, auch was das Technical Meeting betrifft. Bettruhe um 23:00 Uhr.
Am Freitag haben wir um 13:30 Uhr unser erstes Spiel gegen den Vizeweltmeister Ungarn. Doch zuvor bestreiten wir noch ein Freundschaftsspiel gegen Italien. Wer hätte gedacht, dass dies auch gleichzeitig das Match um Platz 3 werden würde? Nebensache. Das Spiel geht gegen Tomasz und die knackigen Italienerinnen haushoch verloren. Keine Chance, abhaken. Manni und mir schießen komische Gedanken in den Kopf.
Beim Spiel verletzt sich Jojo am Fuß. Eine tiefe Fleischwunde klafft auf ihrer Fußsohle, sie ist auf eine spitze Linienmarkierung gesprungen, die noch nicht tief genug eingebuddelt war. Jojo hat unglaubliche Schmerzen, auch als der amateurhafte Sanitäter sehr forsch die Wunde versucht zu säubern. Jojo presst sich die mit Tränen gefüllten Augen zusammen, auch weil sie weiß, dass sie so nicht ins Turnier starten kann. Sicher meine schlimmste Erfahrung meiner Trainerlaufbahn. Die EHF erlaubt uns auf Grund des mangelnden Spielaufbaus eine Spielerin nach zu nominieren. Jojo hilft das nichts. Es gibt kein Schimpfwort für mein Gefühl.
11:00 Uhr die Eröffnungsfeier. Der erste Gänsehautmoment auf Gran Canaria. Volle Tribünen, tolle Musik, unglaubliches Beachwetter und eine würdige Feier.
Mittagessen, dann nochmal kurze Besprechung. Taktisch kennen die Mädels vier Videos der Ungarinnen, wir rufen Ihnen nur noch mal die Key Facts ins Gedächtnis. Wir spielen sehr guten Beachhandball, haben die Ungarinnen gut im Griff. In Halbzeit 2 werden die Mädels vom Balaton stärker, die Entscheidung geht ins Shoot Out. Sieg, unglaublich, Vize-Weltmeister-Besieger, Wahnsinn, Riesenfreunde! Bei Manni und mir die pure Erleichterung, ein Spiel gewonnen, wer hätte das zuvor gedacht?
Posts auf Facebook gehen online, unsere Likes schießen hoch von Vier -auf Siebenhundert. Den Rest des Tages haben wir frei und schauen unsere Gegner an.
Abends dann die zweite Mannschaftssitzung, im Konferenzraum mit Taktikboard und Klimaanlage. Wir analysieren Portugal und Polen, unsere nächsten Gegner. Mut und Stolz herrscht nun in unseren Gefühlslagen, denn so gut sind die anderen Teams jetzt auch nicht. Oder, sind wir doch gut genug? Egal, wir können mithalten.
Gegen Polen spielen wir am Folgetag nicht gut. Athletisch und konditionell fehlt die Spritzigkeit. Wir verstehen jetzt, warum sich andere Nationalmannschaften schon viel früher akklimatisieren. Müdigkeit macht sich nun viel schneller breit. Gegen Portugal läuft es besser. Wieder geht’s ins Penalty und es sollte der längste Penalty-Krimi werden, den das Turnier gesehen hat. Erst im 8.Wurf gibt’s die Entscheidung als Lissi den Wurf pariert. Manni und ich haben in diesen Minuten graue Haare wachsen sehen (nicht die, die Manni schon längst hat), ein unglaublicher Krimi geht für uns, die Mädels, die Fans erfolgreich zu Ende. In der Tabelle klettern wir auf Platz 2 und wären nun plötzlich im Halbfinale.
Doch es kommt noch das Match gegen Kroatien, unser drittes Spiel am Samstag. Schnell die Mädels aufrichten, etwas Essen und raus aus der Sonne, scheuchen wir die Mädels vom Platz. Kroatien spielte im Nachgang betrachtet sicher den besten Beachhandball im Turnier, wir hatten zu Recht nicht den Hauch einer Chance. Doch was wir alleine aus diesem Spiel an Erfahrung auftanken ist immens. Das kann den Mädels keiner mehr nehmen. Als das Spiel zu Ende ist, kommt ein Niederländer auf dem Platz und sagt mir, dass Ungarn gegen Polen gewonnen hat. Gedanken schießen in meinen Kopf, ich rechne, ich sprinte ins EHF Büro, vergewissere mich. „Ja der direkte Vergleich zählt“ Wir sind vor Ungarn und bleiben Zweiter. Ich rase zurück auf die Tribüne, halte von weitem meinen gestreckten Daumen nach oben, der von der halben Tribüne fokussiert wird. Danach bricht großer Jubel aus. Wir sind im Halbfinale der EM! Fucking awesome! Selten hab ich eine so feste Umarmung bekommen, wie von Manni heute.
Unser Facebook-Post über das Halbfinale bekommt in nur 3 Minuten über 200 Likes und den Post haben bis heute über 50.000 Menschen gesehen. Unsere Seite näherte sich bei den Likes der 1000 Marke und knackt die Facebook-Page von den Brucker Handballern, wo Meli’s Freund Falk 3.Liga spielt. Wahnsinn was am Abend im Netz abgeht. SMS erreichen unser Handy, der DHB Präsident schreibt und der Vizepräsident ruft an. Unsere Erfolgsstory wird über Nacht auf sämtlichen Handball Nachrichtenportalen online gestellt, der Bayerische Verband postet und schreibt, sogar beim DHB erscheint unsere Erfolgsmeldung neben der Pressemeldung der Männer Nationalmannschaft. Es folgen einige wenige Anrufe von unbekannten Nummern, die Interviews und Pressestimmen anfordern. Meine Handyrechnung steigt alleine an diesem Abend um 50 € 
Nach dem Essen im Hotel folgt die Vorbereitung auf Norwegen. Den späteren Turniersieger hab ich mit meinem IPhone gefilmt. Das Video, die Spielweise der Norwegerinnen ist sehr gut. Guter Beachhandball ist was anderes, aber sehr effektiv, denke ich mir. Die spielende Torhüterin ist fast so groß wie ich (1,92m) in der Abwehr stehen nochmal zwei solche Kaliber. Chancenlos sind wir im Halbfinale, wir spielen nicht schlecht, aber bekommen klar unsere Grenzen aufgezeigt. So landen wir im Spiel um Platz 3 wieder am Boden der Tatsachen, erneut geht’s gegen Italien, wie schon im Freundschaftsspiel am Freitag.
Wir sprechen das Spiel nochmal ausgiebig durch und versuchen nun Dinge besser zu machen, trauen uns auch einige Dinge auszuprobieren. Und die Umstellungen greifen – wir gewinnen die erste Halbzeit. In Hälfte 2 finden die Südtiroler besser ins Spiel und treffen besser, es geht wieder ins Shoot Out. Hier zieht uns Italien 6:8 den Zahn, dennoch ist unsere Freude Riesengroß! Platz 4, wer hätte das gedacht? Die Trainer - Manni kann nicht mehr, da er beim Feiern sein Handy im Pool versenkt hat - telefonieren mit der Presse, das Internet und WhatsApp spielen erneut verrückt.
Ab da wird vom Beachmodus in den Feiermodus gewechselt. Im Hotelpool gibt es nach der Siegerehrung eine ausgelassene Poolparty zusammen mit der russischen Männermannschaft, die auch im Hotel sind und das Turnier gewonnen haben.
An das Abendessen kann sich der ein oder andere Papa nicht mehr erinnern, auch die Fans haben ordentlich mitgefeiert. Danach geht’s ins Pacha zur Players Party. Wir bekommen unsere Medaillen, die beste Spielerin kommt aus Italien und den Fairplay-Preis bekommt die Schweiz. Über alles Weitere wird nicht berichtet, ab da kommt eine Handballregel zum Zug. „Was auf Granni war, bleibt auf Granni.“
Die Ankunft am Münchner Flughafen wird uns als Überraschung als unvergessenes Erlebnis in Erinnerung bleiben. Mir schießen fast kleine Tränen in die Augen, als ich den halben Verein am Ausgang entdecke, bepackt mit großen Transparenten. Zusammen geben wir ihnen und uns ein „Humba“ mitten im Ausgang im Terminal, ein Bein noch im Sicherheitsbereich, das andere außerhalb. Die Beamten beim Zoll machen mit. Unvergesslich Isis! Gänsehaut pur! Danke!
Die 1000 Likes haben dann irgendwann auch geknack und die Resonanz auf unseren Erfolg war unglaublich. Deutlich mehr als ein Hauch von Spitzensport und internationaler Wettbewerbserfahrung ist nun unser. Es waren unvergessliche Tage, die definitiv mit diesem Team Lust auf mehr machen. Vom spanischen Nationaltrainer zu sagen bekommen, dass „dieses junge Team noch sehr weit in der Welt kommen wird“ macht uns stolz, sehr stolz. Die Mädels sind nicht nur sehr gute Beachhandballerinnen, sondern alle auch tolle Menschen! Danke, dass wir dabei sein durften!

Eure Trainer, Manni, Matze & Alex.

 

Cookies Icon cookieBanner.title.label
cookieBanner.infoText.label