Der größte Kampf? Der gegen die Ungeduld!
Leonie Schweinsteiger und der Alptraum eines jeden Sportlers. Die 18-jährige Handballerin des TSV Ismaning muss ihn erneut durchleben. Deswegen ist für sie die Bayernliga-Saison auch schon nach dem zweiten Spiel beendet.
Sie nimmt auf der Tribüne in der „Hölle Süd“ Platz, wenn die „Isis“ antreten. Dann ist sie dabei, dann leidet sie mit. So, wie eh und je. Aber dennoch nicht so, wie sie es sich wünscht. Leonie Schweinsteiger sitzt nicht auf der Tribüne, weil sie es so will, sondern weil sie es muss. Die 18-jährige ist zum Zuschauen verdammt. „Es gibt kaum etwas schlimmeres, als untätig zuschauen zu müssen“, geht die junge Frau in sich. „Von der Tribüne aus siehst du so viel, was dir im Kampfgetümmel auf der Platte entgeht. Da würde ich gerne immer mal wieder eingreifen, aber…“
Das große Aber! Da ist es. So sehr sie auch will – es geht nicht. Momentan nicht. Ihr Knie lässt es nicht zu. Leonie Schweinsteiger laboriert an einem Kreuzbandriss, die wohl am meisten gefürchtete Verletzung unter Sportlern. Nicht zuletzt deshalb, wegen der im Normalfall sehr langen Genesungsdauer, einer Monatelangen. Die aktuelle Saison für die 18-jährige deshalb auch schon wieder beendet, bevor sie so richtig begonnen hat.
Die ersten beiden Bayernligaspiele sind vorbei. Was folgt ist der Heimspielauftakt der „Isis“ in der Jugendbundesliga. Auch dort ist sie spielberechtigt. Es ist der 28. September – ein Datum, dass Schweinsteiger wohl für immer im Gedächtnis haben wird. Zu Gast: die SG H2KU Herrenberg. Die Partie ist erst 7 Minuten alt, als das Unglück passiert. „Ich hatte am gegnerischen Kreis einen plötzlichen Stopp, ohne Einwirkung eines Gegners. Ich wollte mit einer Körperdrehung wieder zurück, bis ich mich mit einem heißen Schmerz am Boden wieder fand“, erinnert sich Leonie zurück an diesen Moment. „Ich habe sofort gewusst, was geschehen war. Dasselbe Knie, dieser heiße Schmerz. Da weißt du, was angesagt ist.“
Genau das macht die Sache noch dramatischer, als sie ohnehin schon ist. Schweinsteiger hatte genau die gleiche Verletzung schon einmal. Zwei Kreuzbandrisse am gleichen Knie – und das mit 18 Jahren. Den ersten hatte sie im Jahr 2007. „Da dauerte es vor allem mental recht lange, bis ich das überwunden hatte“, gibt sie zu verstehen. Und nun steht sie wieder vor genau dieser Situation, eine so schwere Verletzung wegstecken zu müssen. „Natürlich hast du da im ersten Moment Angst. Denn bei so einer Diagnose kommen schon die Überlegungen: War´s das jetzt? Schaffst du es, dich aus dem mentalen Tief wieder heraus zu arbeiten.“ Doch aufgeben kommt für die junge Frau überhaupt nicht in Frage. Ganz im Gegenteil. Leonie Schweinsteiger ist eine Kämpfernatur – und muss es auch sein. Wieder mal. „Nachdem auch die Ärzte sagen, wir kriegen das wieder hin, gibt es nur eine Devise: Ich trete wieder an und zeig es allen!“
Genau in diesem Zusammenhang spricht sie auch einen großen Dank an Alexandra Hubloher aus, ihre Physiotherapeutin, die ebenso für die 1. Herrenmannschaft des TSV zuständig ist. Von ihr erhält Schweinsteiger viel Unterstützung im physischen und seelischen Bereich. Auch im Hinblick auf den 3. Februar. An diesem Datum muss sie erneut unters Messer, eine zweite OP steht an. „Bis jetzt läuft alles nach Plan. Fast schon ein bisschen zu gut, weil ich mich extrem sicher fühle. Genau das reizt mich, immer ein bisschen zu viel zu machen“, weiß die Handballerin mit dem berühmten Namen aus dem Fußballbereich. In der Ruhe liegt die Kraft – selten trifft dies wohl so sehr zu, wie in diesem Fall. Auch wenn es Leonie schwer fällt, diese Leidenszeit nicht verkürzen zu können. „Ich bin einfach so ungeduldig. Deswegen ist genau das mein größter Kampf. Der Kampf gegen die Ungeduld.“
Natürlich juckt es sie dann erst recht, wenn sie die Spiele ihrer Mädels verfolgt, wenn sie den Teamgeist und den Kampfeswillen ihrer Mannschaftskameradinnen förmlich spürt. Die Zeit in der Halle genießt sie immer wieder aufs Neue. Wenn auch seit ihrer Verletzung nur von der Tribüne aus, und auch nur an Heimspieltagen. „Bei Auswärtsspielen kann ich die Zeit meistens doch sinnvoller nutzen. Denn diese Saison kann ich ja auf keinen Fall mehr angreifen. Genau deshalb steht Handball bei mir im Moment auch nicht so ganz im Vordergrund“, gibt Schweinsteiger zu verstehen. Im Januar stehen bei ihr Prüfungen an der Uni an. Sie studiert angewandte Psychologie im 1. Semester.
Vielleicht schafft es die Studentin deswegen, sich so gut mit ihrer Situation auseinanderzusetzen. Weil sie weiß, dass es eben auch noch ein Leben neben dem Handball gibt. Genau das zeichnet die 18-jährige auch aus. „Ich hätte die Chance gehabt in Leipzig zu spielen. Der Traum einer jeden Handballerin. Aber das wollte ich nicht“, sagt Schweinsteiger und spricht damit das aus, was wohl nicht jede so aussprechen würde. „Bei mir hatten sich Trainer von anderen guten Mannschaften gemeldet. Aber ich habe mich für den Verbleib in Ismaning entschieden. Ich möchte guten Handball spielen, anspruchsvoll und leistungsorientiert, in einem Klasse Team mit einer klasse Trainerin. Aber ich bin zum jetzigen Zeitpunkt nicht bereit, mein ganzes junges Leben dem Handball unterzuordnen. Genau das musst du aber machen, wenn du ganz oben mitspielen willst.“
Ob sich ihre Meinung irgendwann einmal ändert? Das weiß niemand. Doch was Schweinsteiger ganz genau weiß ist, was sie an den „Isis“ hat, an ihrem Verein, für den sie seit 2008 spielt. Aus diesem Grund ist sie auch ehrgeizig genug, wieder anzugreifen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wenn sie den neuerlichen Schock eines Kreuzbandrisses komplett verdaut hat. „Ich werde zwar relativ schnell wieder an mir arbeiten können. Aber bis ich so richtig mit dem Training beginnen kann, da wird der Maibaum schon aufgestellt sein und die ersten Bikinitage habe ich dann auch schon hinter mir.“
Ihren Humor hat Leonie also trotz allem nicht verloren. Läuft alles gut ist sie nächste Saison wieder dabei. Das wünscht sie sich, das wünschen sich die restlichen Spielerinnen. Bis dahin muss die junge Frau eben als Zuschauer in der „Hölle Süd“ die Daumen drücken. Für ihre Mädels, für ihre Mannschaft. Doch ein jeder weiß schon jetzt, dass es ein unvergesslicher Augenglick sein wird, wenn Schweinsteiger wieder als aktive Spielerin mit einlaufen kann, wenn sie den „Isis“ wieder auf dem Feld helfen kann. Wenn sie einfach wieder Leonie Schweinsteiger ist, mit allem, was dazu gehört. Denn dann hat sie eines geschafft: den großen Kampf nach schwerem Rückschlag ein weiteres Mal erfolgreich gekämpft.
Bericht von Andreas Schisler