Seit dem 1. Juli 2010 gelten neue Handballregeln. Manfred Prause aus Offenburg ist Chef der Schiedsrichter- und Regelkommission des Weltverbandes IHF. Er hat maßgeblich an den neuen Regeln mitgearbeitet. An dieser Stelle stellt er die wesentlichen Änderungen mit den Hintergründen vor. "Ich glaube, der Zuschauer wird wenig von den Regeländerungen mitbekommen. Wir haben seit 1995 versucht, das Spiel schneller, fairer und variantenreicher zu gestalten. Es ist uns gelungen das Spiel, schneller zu machen, aber nicht fairer. Jetzt ist das Ziel, die Regeln so zu formulieren, dass die Gesundheit der Spieler besser geschützt ist. Die Schiedsrichter sind gehalten, je nach Art des Vergehens, direkt damit zu beginnen, Zwei-Minuten- Strafen auszusprechen. Das war zwar früher schon möglich, aber jetzt ist es in der Regel festgeschrieben. Früher haben die Schiedsrichter erst mal ihre drei Gelben Karten verteilt. Das zeigen die Statistiken. Ganz wichtig ist für uns der Schutz der Spieler im Sprung oder im schnellen Lauf. Stoßen von der Seite oder Stoßen im Sprung soll, je nach Art des Vergehens, bis zur Disqualifikation führen. Wir hatten vor zwei Jahren bei den Olympischen Spielen in Peking zum Beispiel die böse Verletzung von Pascal Hens. Der brach sich im Spiel gegen Island den Schienbeinkopf, als er von zwei gegnerischen Spielern umgestoßen worden war. Ein Hauptziel ist, die Gesundheit der Spieler zu schützen. Deswegen werden solche Aktionen härter bestraft. Wir haben die Coaching-Zone eingeführt, denn die Trainer haben die Möglichkeit, sich im Auswechselraum frei zu bewegen, zu sehr ausgenutzt. Zeitnehmer und Sekretäre sind die Partner der Schiedsrichter. Sie wurden von den Trainern aber oft als Freiwild betrachtet. Jetzt haben wir die Coaching-Zone. Der Trainer darf nicht mehr näher an den Tisch heran, mit Ausnahme in jener Situation, in der er ein Team-Time-Out anmeldet. Diese Regelung hat sich bei zwei Weltmeisterschaften bisher nach meiner Einschätzung bewährt. Wir haben ergänzende Erläuterungen an die Schiedsrichter herausgegeben. Hier haben wir versucht, durch gezieltere Anweisungen das passive Spiel zu verbessern. Wir wollen den Abwehrspielern etwas mehr Chancen einräumen, indem wir das Sperren besser ahnden. Eine Sperre muss grundsätzlich passiv sein. Aktiv angelaufene Sperren sollen als Stürmerfoul geahndet werden. Wir wollen auch die Vergehen in der letzten Spielminute härter bestrafen. Die Spieler haben sich oft Rote Karten abgeholt, ohne dafür die Konsequenzen zu spüren und haben dadurch oft sogar das Ergebnis beeinflusst. Eine Disqualifikation ist in der letzten Spielminute generell mit einem Bericht verbunden, das heißt, der Spieler wird eine Sperre erhalten. Ein wichtiger Punkt ist, dass wir die Situation, wenn der Torwart den Torraum verlässt, anders beurteilen werden. Wenn es zum Zusammenstoß zwischen Torwart und Angreifer kommt, ist der Torwart immer der Verantwortliche. Wenn der Angreifer diesen Zusammenstoß nicht vermeiden kann im schnellen Lauf, wird der Torhüter disqualifiziert. Es gibt also beim Kontakt zwischen Stürmer und Torwart grundsätzlich kein Stürmerfoul mehr. Es gibt dabei eine Ausnahme: Wenn wir unterstellen, dass der den Gegenstoß laufende Spieler bewusst den Kontakt sucht, um ein Foul des Torwarts zu provozieren, dann soll der Angreifer bestraft werden, wenn das vom Schiedsrichter erkannt wird. Wir haben den Ausschluss, bei dem das gesamte Team für den Rest der Spielzeit in Unterzahl spielen musste, abgeschafft. Man muss künftig zwei Rote Karten unterscheiden: Die Rote Karte, die im Kampf um den Ball fällig ist, bleibt weiter eine Matchstrafe. Doch arglistige Aktionen, Schlagen, Beleidigungen des Schiedsrichters, sollen durch eine Rote Karte mit Bericht geahndet werden. Der Schiedsrichter muss diese Entscheidung sofort an die Verantwortlichen beider Teams weitergeben. Damit wird vermieden, dass Schiedsrichter nach der Partie noch einmal von den Vertretern der betroffenen Vereine umgestimmt